Bildweisen
Fotoreihen 1994-95

Jede Wahrnehmung beinhaltet auch die Seh- und Empfindungswünsche des Betrachters. Die Eigenschaften einer Gegebenheit, "deren Form, Temperatur, Farbe, Gewichtung... " werden in Atmosphären übersetzt; oder es schwingt eine metaphorische Deutung mit; oder der Anblick erregt, richtet auf, hält gefangen, weitet... . Den Gegebenheiten werden also Bedeutungsebenen unterlegt, die die momentane Stimmung oder das Selbstbild des Betrachters, oder vielleicht seine Relation zur Umwelt beschreiben (und somit bestätigen). Es ist manchmal kaum zu unterscheiden, inwieweit eine Sichtweise durch die Perspektive eines Standorts oder die eines Sehbedürfnisses geprägt ist.

Landschaft eignet sich wegen ihrer Phantasieähnlichkeit besonders dafür, mit solchen Seh- und Empfindungswünschen belegt zu werden. Sie bildet in ihrer Ausdehnung, Form, Farbigkeit, Lichtart usw. immer eine absolute Umgebung oder ein ausschliessliches Gegenüber. Sie erscheint, aber sie agiert nicht. Es bleibt uns überlassen, ihre Erscheinungsformen körperhaft, auratisch, erhaben oder sinnlich wahrzunehmen, sie zu animieren, uns wegen ihr zu weiten, fortzusehnen oder geborgen zu fühlen. Oft möchte ich die Wirkung einer Erscheinung, eines Ausblicks glauben - so wie die Atmosphäre eines Traums oder die Aura eines Menschen. Ich weiss von ihrer Berechtigung. Es kann aber auch sein, dass ich verwirrt eine unterschiedliche Wirkung deselben Ausblicks erinnere.
So kenne ich die Unmöglichkeit, einen Gegenstand ungedeutet wahrzunehmen (geschweige denn ihn vor- oder darzustellen) und bin trotzdem meiner Selbstbezogenheit dabei überdrüssig.
Wie kann ich mich verhalten gegenüber Sachen wie der Masse eines Findlings, einen durch Licht oder die Verhältnisse des Orts hervortretenden Baumes, der ungreifbar grossen Wölbung eines Bergrückens; manchmal geniesse ich die Komik der Diskrepanz, zwischen den Bedeutungsmöglichkeiten einer Erscheinung und dem, was ihr zugrundeliegender Gegenstand eigentlich sein mag.